3. Das Selbst im IFS und die Tendenz zu negativen Emotionen
Eines der am besten erforschten Modelle menschlicher Persönlichkeit ist das Big-Five-Modell, das fünf grundlegende und über die Lebensspanne relativ stabile Persönlichkeitsfaktoren beschreibt. Einer dieser Faktoren ist der Neurotizismus – ein altmodisch klingender Begriff, der im Kern beschreibt, wie stark und wie häufig Menschen auf Situationen mit negativen Emotionen wie Angst, Wut oder Scham reagieren.
Menschen mit einer höheren Ausprägung von Neurotizismus erleben dieselben Situationen oft als bedrohlicher, verletzender oder beschämender als Menschen mit niedrigerem Neurotizismus. Sie reagieren schneller mit innerer Anspannung, Selbstzweifeln oder Alarm.
Und auch wenn sich dieser Faktor durch Therapie, Coaching oder Training in gewissem Maße beeinflussen lässt, zeigen große Längsschnittstudien klar: Neurotizismus ist ein stabiler, temperamentbasierter Persönlichkeitszug, kein vorübergehender Zustand. Die meisten Menschen verändern sich darin über Jahrzehnte nur moderat, selten grundlegend.
Der Widerspruch zum IFS-Modell
Im Modell des Internal Family Systems (IFS) wird davon ausgegangen, dass unterhalb aller schmerzbeladenen oder reaktiven Anteile ein Selbst liegt – ruhig, verbunden, mitfühlend, klar. Wenn die Teile entlastet sind, so die Logik des Modells, tritt dieses Selbst hervor und führt das System.
Diese Idee ist therapeutisch kraftvoll, aber sie steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zu den Erkenntnissen der Persönlichkeitspsychologie.
Wenn wir das Big-Five-Modell ernst nehmen, müssen wir anerkennen, dass es Menschen gibt, deren Nervensystem von Natur aus stärker auf Negativität reagiert – unabhängig von Trauma oder inneren Teilen.
Bei diesen Menschen ist das „Baseline-Niveau“ emotionaler Reaktivität höher. Sie werden nie völlig frei von intensiven Gefühlen oder Sorgen sein, selbst wenn ihre inneren Teile entlastet sind.
Das bedeutet: Nicht jede anhaltende emotionale Reaktion ist ein Zeichen für einen „noch nicht geheilten“ Teil, sondern manchmal schlicht Ausdruck eines Temperaments, das dauerhaft sensibler auf die Welt reagiert.
Die therapeutische Konsequenz
Gerade Menschen mit höherem Neurotizismus sind es oft, die in Therapie landen. Nicht, weil sie „gestörter“ wären, sondern weil sie stärker fühlen – und deshalb mehr Mühe haben, mit ihren Emotionen zurechtzukommen.
Das stellt eine zentrale Frage an das IFS-Modell: Wie viel der Negativität im System ist tatsächlich heilbar – und wie viel ist Teil des Systems selbst?
In meiner eigenen Arbeit mit Klienten, die oft seit Jahren oder Jahrzehnten in Therapie sind, habe ich diesen Unterschied immer wieder erlebt. Viele von ihnen hatten bereits tiefe Durchbrüche: Heilungsmomente, emotionale Öffnungen, neue Einsichten.
Und doch kehrten Wochen später ähnliche Themen zurück – manchmal in neuer Gestalt, aber mit vertrautem emotionalem Kern.
Früher wurde das leicht als „noch ein ungelöster Anteil“ interpretiert. Heute sehe ich es differenzierter: Manche Reaktionen sind kein Hinweis auf ein nicht entlastetes Teil, sondern Ausdruck eines bestimmten Temperaments, einer dauerhaften Empfindlichkeit des Systems.
Und statt weiter nach „Heilung“ zu suchen, wird es hilfreicher, Regulation und Akzeptanz zu lehren – also den Umgang mit der eigenen Sensibilität.
Erweiterung des IFS-Rahmens
Wenn wir das ernst nehmen, braucht das IFS-Modell eine Erweiterung: Neben Teilen und Selbst sollte es auch Temperament als strukturelle Ebene des Systems anerkennen. Denn nicht alles, was emotional instabil oder überreagierend wirkt, ist ein verletztes Teil – manches ist schlicht Persönlichkeitsstruktur.
Diese Erweiterung macht das Modell realistischer und menschlicher. Sie entlastet Klienten von der ständigen Suche nach „dem nächsten Teil, der geheilt werden muss“ – und eröffnet den Raum für eine andere Haltung:
„Das ist nicht etwas, das ich heilen muss. Es ist etwas, mit dem ich lernen kann, weise umzugehen.“
Damit verschiebt sich der Fokus von Heilung zu Führung: Das Selbst bleibt die regulierende Instanz – aber es führt ein System, das nicht perfekt ruhig sein soll, sondern lebendig, empfindsam und differenziert.
Ein gutes Beispiel dafür, dass Neurotizismus nicht nur psychologisch, sondern auch biologisch verankert ist, zeigt sich in den geschlechtsspezifischen Unterschieden, die sich in der Pubertät deutlich verstärken.
Vor der Pubertät liegen Jungen und Mädchen beim durchschnittlichen Neurotizismuswert etwa gleichauf. Doch mit dem Einsetzen der hormonellen Veränderungen steigt bei Mädchen im Durchschnitt die emotionale Reaktivität deutlich an. Frauen zeigen dann — über viele Kulturen hinweg — höhere durchschnittliche Werte in Neurotizismus, also eine stärkere Tendenz zu Angst, Sorge und Scham.
Das bedeutet nicht, dass alle Frauen „emotionaler“ oder „instabiler“ sind — die Verteilung bleibt eine Normalverteilung, und es gibt viele Frauen mit niedrigen Neurotizismuswerten ebenso wie Männer mit hohen.
Aber statistisch gesehen verschiebt sich die Kurve: hohe Neurotizismuswerte kommen bei Frauen häufiger vor, was auf biologische und hormonelle Einflussfaktoren hinweist, etwa auf die Effekte von Östrogen- und Progesteronzyklen auf das Stress- und Angstsystem des Gehirns.
Diese geschlechtsspezifische Differenz wurde in zahlreichen kulturübergreifenden Studien bestätigt – u. a. in Arbeiten von Costa, Terracciano & McCrae (2001) und in den Meta-Analysen von Schmitt et al. (2008), die in über 50 Ländern ähnliche Muster fanden.
Quellen
- https://www.guilford.com/books/Internal-Family-Systems-Therapy/Schwartz-Sweezy/9781462541461
- https://psycnet.apa.org/record/2014-32359-001
Interne Links
- https://www.blog.beziehungsgarten.de/toxic-relationships-hub
- https://www.lucasforstmeyer.com/beyond-ifs-04
- https://www.lucasforstmeyer.com/big-five-04
- https://www.lucasforstmeyer.com/ifs-course-01
- https://www.blog.beziehungsgarten.de/criticism-healing-as-foundation
- https://www.lucasforstmeyer.com/beyond-ifs-02
- https://www.lucasforstmeyer.com/big-five-03
- https://www.lucasforstmeyer.com/ifs-course-02
- https://www.lucasforstmeyer.com/ifs-course-06
- https://www.lucasforstmeyer.com/beyond-ifs-06