6. Nicht-heilungsorientierte Teilearbeit
Nicht-heilungsorientierte Teilearbeit
Wenn wir all die bisherigen Erkenntnisse ernst nehmen – dass wir motivierte Systeme sind, dass unser Temperament stabile Wahrnehmungsfilter bildet, und dass viele unserer emotionalen Reaktionen nicht pathologisch, sondern temperamentsbedingt sind –, dann müssen wir auch die klassische Sichtweise auf Teilearbeit erweitern.
Das klassische Internal Family System Modell geht oft stillschweigend davon aus, dass alles, was in uns Schwierigkeiten macht, auf verletzte oder schützende Teile zurückgeht, die „geheilt“ oder „entlastet“ werden können.
Diese Perspektive ist hilfreich, wenn es wirklich um alte emotionale Wunden geht – etwa um früh erlernte Schutzstrategien, die heute nicht mehr passen.
Aber sie greift zu kurz, wenn es um dauerhafte Unterschiede im Temperament geht: um Reaktivität, um Verträglichkeit, um Statusorientierung, um die Art, wie ein Mensch grundsätzlich auf Stress reagiert.
1. Teile ja – aber nicht alles ist heilbar
Es ist völlig richtig, dass wir in einem Streit oder in emotionaler Überforderung in Teilzustände geraten. „Ein Teil von mir ist wütend“, „Ein Teil von mir ist überfordert“ – diese Sprache bleibt wertvoll, weil sie Distanz und Selbstwahrnehmung schafft. Sie erlaubt, sich innerlich zu sortieren und Verantwortung zurückzugewinnen.
Aber: Nicht jeder dieser Zustände ist Ausdruck eines „verletzten“ inneren Kindes oder einer „Fehlregulation“. Manchmal ist es schlicht das Temperament, das reagiert.
- Ein Mensch mit hohem Neurotizismus wird sich in Konflikten emotionaler fühlen – das ist keine Fehlfunktion, sondern sein Nervensystem.
- Ein Mensch mit niedriger Agreeableness wird schneller konfrontativ – auch das ist kein Trauma, sondern Disposition.
Hier hilft keine „Heilung“ im IFS-Sinn, sondern Anerkennung und Handhabung: Wie kann ich mit dieser Disposition leben, ohne dass sie die Beziehung zerstört?
Wie kann ich lernen, mein Nervensystem zu beruhigen, meine Sprache zu zügeln, oder meinem Partner Zeit zu geben – auch wenn mein Temperament anderes will?
2. In Paararbeit geht es nicht um Heilung, sondern um Umgang
Gerade in der Paararbeit ist die Idee einer „heilungsorientierten“ Teilearbeit oft kontraproduktiv. Viele Paare geraten in einen endlosen Kreislauf: „Wenn ich nur diesen Teil heile, dann wird unsere Beziehung leichter.“
Doch das verkennt, dass viele Konflikte nicht heilbar, sondern verhandelbar sind.
John Gottman hat das empirisch belegt: Etwa 69 % aller Beziehungsprobleme bleiben langfristig bestehen, weil sie auf dauerhafte Unterschiede in Persönlichkeit, Bedürfnissen und Temperament zurückgehen. Diese Unterschiede sind keine Störung, sondern die natürliche Reibung zweier Nervensysteme.
Der Fokus muss sich also verschieben – von „Wie heilen wir das?“ zu:
„Wie gehen wir miteinander um, wenn unsere Systeme unterschiedlich ticken?“
Das bedeutet:
- Wir benennen Teile weiterhin („Ein Teil von mir fühlt sich angegriffen“).
- Wir entschmelzen uns von ihnen („Ich bin nicht nur dieser Teil“).
- Wir fragen, was sie brauchen – aber nicht, um sie aufzulösen, sondern um sie in ein bewusstes Beziehungssystem zu integrieren.
3. Ziel: Regulation und Koexistenz, nicht Reinheit
Das Ziel einer nicht-heilungsorientierten Teilearbeit ist nicht, alle inneren Spannungen zu beseitigen, sondern die Fähigkeit zu entwickeln, mit ihnen bewusst und reguliert zu leben.
Es ist eine Praxis der Koexistenz, nicht der Reinheit.
Diese Haltung ist besonders in der Paararbeit realistisch: Ein Paar wächst nicht daran, dass alle Teile verschwinden, sondern dass sie lernen, ihre Unterschiede zu halten, ohne sich gegenseitig zu verlieren.
Fazit
Teilearbeit bleibt zentral – aber sie braucht eine realistische Grundlage: nicht jedes Gefühl ist Trauma, nicht jeder Konflikt ist Heilungsarbeit.
Manches ist schlicht Menschsein in unterschiedlichen Körpern und Nervensystemen.
Wer das anerkennt, schafft Raum für echte Beziehungskompetenz: Verstehen, Regulieren, Koexistieren.
Oder kurz gesagt: Nicht alles lässt sich heilen. Aber alles lässt sich halten.
Quellen:
- Gottman, J. & Silver, N. (1999). The Seven Principles for Making Marriage Work. Crown.
- Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory. W. W. Norton.
- Costa, P. T. & McCrae, R. R. (1992). NEO Personality Inventory.
- Schwartz, R. C. (2001). Internal Family Systems Therapy. Guilford.
Quellen
- https://psycnet.apa.org/record/2014-32359-001
- https://wwnorton.com/books/9780393705959
- https://wwnorton.com/books/9780393707007
Interne Links
- https://www.lucasforstmeyer.com/ifs-course-01
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