1. Wir sind im Kern motivierte Systeme

Viele psychologische und philosophische Ansätze gehen implizit davon aus, dass wir Menschen einfach auf eine gegebene Welt reagieren – dass die Welt da draußen „so ist, wie sie ist“ und wir mit ihr interagieren, je nachdem, welche Erfahrungen, Prägungen oder Glaubenssätze wir in uns tragen. Dieses Bild wirkt auf den ersten Blick plausibel. Doch wenn man genauer hinschaut, vor allem auf die Tätigkeit des Unbewussten, wird deutlich, dass die Sache weit komplexer ist.

Im Einklang mit Jordan Peterson und der neuropsychologischen Forschung lässt sich sagen: Unser Unbewusstes ist kein passiver Speicher, sondern ein hochaktives, zielorientiertes System. Es prägt jede unserer Wahrnehmungen, Handlungsimpulse und emotionalen Reaktionen – nicht zufällig, sondern im Dienst dessen, was wir wollen.

Ob uns diese Ziele bewusst sind oder nicht, spielt dabei keine große Rolle: sie steuern uns trotzdem. Wir nehmen die Welt also nicht „objektiv“ wahr. Wir sehen sie durch den Filter unserer Zielstrukturen.

Ein großer Teil dessen, was wir wahrnehmen, erscheint uns nicht als „Dinge an sich“, sondern als Werkzeuge oder Hindernisse auf dem Weg zu dem, was wir anstreben.

Das lässt sich im Alltag leicht beobachten: Wenn wir einkaufen gehen, sehen wir keine Supermarktregale im ästhetischen Sinn, sondern „Milch, Brot, Kasse, Rückweg“. Wir sehen, was relevant ist, nicht was existiert. Unsere Wahrnehmung wird auf den Handlungszweck reduziert – und das geschieht automatisch.

Unser Unbewusstes prägt alles

Wenn wir also im Kern motivierte Systeme sind, dann bedeutet das: Jeder Einfluss auf uns – ob Erziehung, Beziehung, Trauma oder Ermutigung – verändert nicht nur, wie wir handeln, sondern auch wie wir wahrnehmen.

Er verändert die Struktur unserer Wertehierarchie: Was erscheint uns wichtig, was nebensächlich? Was löst in uns Energie aus, was Gleichgültigkeit?

Diese Fragen sind nicht theoretisch, sie beschreiben den gelebten Alltag des Bewusstseins. Alles, was uns prägt – Temperament, Teile, Glaubenssätze, Beziehungserfahrungen – wirkt auf dieser Ebene. Es verändert, wie wir die Welt ordnen.

Man könnte sagen: Es schreibt an der Landkarte mit, durch die wir uns in der Welt orientieren.

Konsequenz für Coaching und Therapie

Und weil unser Erleben immer auf Zielorientierung beruht, ist jede Veränderung – ob in Therapie, Coaching oder Begegnung – letztlich eine Neuorganisation dieser Zielstruktur.

Wir sehen anders, weil wir anderes wollen. Wir handeln anders, weil sich verändert hat, was für uns Bedeutung hat.

Das ist der Kern: Wir sind keine Beobachter einer neutralen Welt. Wir sind aktive, sinnorientierte Systeme, die ständig danach scannen, was dem eigenen Zielsystem dient – und alles andere ausblenden.


Quellen

  • https://www.routledge.com/Maps-of-Meaning-The-Architecture-of-Belief/Peterson/p/book/9780415922227
  • https://psycnet.apa.org/record/2014-32359-001
  • https://www.lucasforstmeyer.com/neuropsychology-03-01
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/criticism-systemic-therapy
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/relationship-problems
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/toxic-relationships-hub
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/right-hemisphere-gilchrist
  • https://www.lucasforstmeyer.com/big-five-02