3. Temperament als Wahrnehmungsfilter

Wenn wir die Erkenntnisse der Big-Five-Persönlichkeitsforschung mit der Polyvagal-Theorie und der Idee des „motivierten Systems“ zusammendenken, ergibt sich ein klares Bild: Temperament ist kein inneres Gefühl, sondern eine konstante Linse, durch die wir die Welt wahrnehmen.

Die Persönlichkeitsfaktoren – Neurotizismus, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion und Offenheit – sind keine bloßen Eigenschaften. Sie bestimmen, welche Reize unser Nervensystem überhaupt relevant findet, welche emotionalen Bewertungen sofort aktiviert werden und welche Handlungsimpulse daraus entstehen.


1. Neurotizismus – die Linse der Bedrohung

Menschen mit höherem Neurotizismus nehmen dieselbe Situation grundsätzlich gefährdeter, kritischer oder verletzlicher wahr als Menschen mit niedrigerem.

Sie registrieren schneller subtile Signale von Ablehnung, Spannung oder Gefahr. Diese Tendenz ist nicht „irrational“, sondern biologisch verankert – ein Nervensystem, das stärker auf potenzielle Bedrohung eingestellt ist.

In der Sprache der Polyvagal-Theorie: Ihre Neurozeption erkennt Gefahr, wo andere noch Sicherheit spüren. Dadurch wird das System häufiger in sympathische Aktivierung (Kampf/Flucht) oder in Rückzug (Freeze) geschaltet.

Das verändert nicht nur die emotionale Reaktion, sondern schon die Wahrnehmungsebene: Ein neutraler Gesichtsausdruck kann als kritisch erscheinen, ein kurzer Moment des Schweigens als Ablehnung.

2. Agreeableness – die Linse der sozialen Bedeutung

Menschen mit hoher Agreeableness haben ein Nervensystem, das soziale Signale übergewichtet. Ihr Wahrnehmungsfilter sucht ständig nach Anzeichen für Verbindung, Kooperation oder emotionale Harmonie.

Schon kleinste Unstimmigkeiten werden registriert, weil sie für das System bedeuten: „Etwas stimmt in der Beziehung nicht.“

Menschen mit niedrigerer Agreeableness dagegen haben einen Filter, der soziale Spannungen weniger stark bewertet. Ihr Nervensystem priorisiert Selbstbehauptung und Statusrelevanz stärker als Harmonie.

Sie nehmen Situationen, in denen andere bereits Stress empfinden würden, als normal oder sogar anregend wahr. So unterscheiden sich Wahrnehmung und emotionale Bewertung fundamental – nicht, weil einer „weiter“ oder „reifer“ ist, sondern weil die Systeme unterschiedlich kalibriert sind.

3. Extraversion, Offenheit und Gewissenhaftigkeit – weitere Wahrnehmungslinsen

Auch die anderen Big-Five-Faktoren strukturieren Wahrnehmung aktiv:

  • Extraversion: filtert auf Belohnung, Anregung, Resonanz. Ein extravertiertes Nervensystem sucht Kontakt und reagiert stark auf äußere Reize.
  • Offenheit: filtert auf Neuheit und Bedeutung. Das System sucht Muster, Ideen und Metaphern – nicht Sicherheit.
  • Gewissenhaftigkeit: filtert auf Ordnung, Vorhersagbarkeit und Zielorientierung. Das System reagiert stark auf Abweichungen, Chaos oder Unklarheit.

Jede dieser Motivationsarchitekturen legt also fest, welche Aspekte der Realität sichtbar werden und welche ausgeblendet bleiben.


4. Temperament, Neurozeption und Interpretation

Hier treffen sich Big Five und Polyvagal-Theorie: Das, was Porges als Neurozeption beschreibt – das unbewusste Scannen auf Sicherheit oder Gefahr –, wird durch Temperament mitgestaltet.

Ein hochneurotisches Nervensystem interpretiert dieselben Reize schneller als bedrohlich. Ein niedrig verträgliches System interpretiert dieselbe Reizsituation weniger relational, dafür statusorientiert.

Damit sind Big-Five-Traits nicht nur psychologische Beschreibungen, sondern neurophysiologische Parameter der Wahrnehmungsorganisation. Sie bestimmen, welche Reize Zugang zur bewussten Aufmerksamkeit bekommen und welche als irrelevant weggefiltert werden.

5. Konsequenz für Beziehung und Selbstverständnis

Wenn Wahrnehmung immer motiviert ist, dann ist auch jede Beziehung eine Begegnung zwischen zwei Wahrnehmungsfiltern, nicht zwischen zwei neutralen Beobachtern.

Ein Streit, eine Berührung, ein Blick – all das wird durch die individuellen Temperamentsstrukturen interpretiert.

Wer also an Beziehung oder Selbsterkenntnis arbeitet, muss begreifen: Du reagierst nicht auf die Situation selbst, sondern auf die Bedeutung, die dein System ihr gibt.

Diese Bedeutung entsteht aus einer komplexen Wechselwirkung zwischen Neurozeption, Temperament und früher Erfahrung.

Erst auf dieser Basis lässt sich verstehen, warum Menschen so unterschiedlich auf dieselben Umstände reagieren – und warum tiefe Veränderung selten durch Einsicht allein, sondern durch Neukalibrierung des gesamten Wahrnehmungssystems geschieht.


Quellen

  • https://wwnorton.com/books/9780393707007
  • https://www.routledge.com/Maps-of-Meaning-The-Architecture-of-Belief/Peterson/p/book/9780415922227
  • https://psycnet.apa.org/record/2014-32359-001
  • https://www.lucasforstmeyer.com/beyond-ifs-03
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/criticism-healing-as-foundation
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/toxic-relationships-hub
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/developmental-trauma
  • https://www.lucasforstmeyer.com/beyond-ifs-04
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/attachment
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/status
  • https://www.lucasforstmeyer.com/beyond-ifs-02
  • https://www.lucasforstmeyer.com/beyond-ifs-05
  • https://www.lucasforstmeyer.com/big-five-02