1. Kant, Grundannahmen und Status - persönlich

Ich habe Philosophie und Psychologie studiert. Aber wenn ich ehrlich bin, war das Philosophiestudium für mich wichtiger. Nicht, weil ich die großen Denker zitieren wollte, sondern weil ich dort gelernt habe, wie Denken funktioniert.

  • Wie man überprüft, ob eine Idee trägt.
  • Welche Annahmen still im Hintergrund laufen.
  • Und wie aus diesen Annahmen ganze Weltbilder entstehen.

Der größte Teil meines Studiums drehte sich um Immanuel Kant.

Nicht, weil ich überzeugt war, dass Kant recht hat – sondern weil mich die Kohärenz seines Denkens fasziniert hat. Ich habe Kant nie gelesen, um ihm zuzustimmen. Ich wollte verstehen, wie er denkt.

Vom ersten bis zum letzten Buch zieht sich bei ihm im Grunde ein einziger Gedankengang: ein Versuch, die Bedingungen des Erkennens, Fühlens und Handelns zu ordnen.

Mich hat das beeindruckt – nicht wegen der Antworten, sondern wegen der Konsequenz, mit der er die Welt als Argument aufbaut.

Die vielleicht banalste und gleichzeitig wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit ist:

Jede Theorie ist nur eine Argumentation auf Basis bestimmter Grundannahmen.

Und genau da beginnt es, spannend zu werden. Denn diese Annahmen sind nicht „wahr“ im wissenschaftlichen Sinn – sie sind Entscheidungen, wie man die Welt sehen will.

Das Problem unserer Zeit: Auseinanderdriftende Realitäten

Ich glaube, einer der Gründe, warum wir heute so viel Konflikt erleben – gesellschaftlich wie privat – ist, dass unsere Annahmen über die Wirklichkeit auseinanderfallen. Wir haben nicht mehr nur unterschiedliche Meinungen, sondern unterschiedliche Ontologien.

Man sieht das an der Coronakrise: War das ein Eingriff in die Freiheit oder ein notwendiger Schutz?

Beide Seiten berufen sich auf Fakten, aber die Differenz liegt nicht in den Daten. Sie liegt im Muster, mit dem man die Welt deutet.

Das ist der Punkt, an dem Philosophie wieder praktisch wird: Unsere Grundannahmen formen, was wir für „real“ halten.

Was in der Paarpsychologie fehlt

In der Beziehungsforschung sehe ich dasselbe Muster. Wir haben starke Theorien über Bindung (EFT, Bowlby) und über Kommunikation (Gottman).

Beide erklären viel – aber nicht alles. Und was fehlt, ist aus meiner Sicht die Ontologie des Status. Wir tun so, als sei das Bedürfnis nach Nähe das einzige Grundmotiv in Beziehungen.

Aber es gibt noch ein zweites: das Bedürfnis nach Wertschätzung – nach Anerkennung, nach dem Gefühl, als eigenständige Person respektiert zu werden.

„Wertschätzung“ ist für mich das präziseste Wort. Es meint nicht bloß Lob oder Dank, sondern wörtlich:

die Schätzung des eigenen Wertes.

Das ist der Kern dessen, was wir psychologisch als Status bezeichnen.

Und dieser Kern erklärt, warum viele Distanzierer nicht kalt oder beziehungsunfähig sind, sondern ihre Würde schützen.

Sie ziehen sich nicht zurück, weil sie Nähe hassen, sondern weil sie die Erfahrung vermeiden wollen, in ihrer Wertschätzung verletzt zu werden.

Wenn man „Wertschätzung" hinzufügt, verändert sich das ganze Bild

Sobald man dieses zweite Grundmotiv anerkennt, kippt das Verständnis von Beziehung. Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, Sicherheit und Verbindung herzustellen, sondern auch darum, gegenseitige Achtung aufrechtzuerhalten.

Nicht nur: „Bin ich dir nah?“ Sondern auch: „Zählst du mich als gleichwertig?“

Das verändert, wie wir Streit, Rückzug und Vertrauen lesen. Es zeigt, dass viele Konflikte nicht durch mangelnde Liebe entstehen, sondern durch erlebten Wertverlust.

Und dass Vertrauen nicht nur Bindungssicherheit ist, sondern das stabile Gefühl: Mein Wert bleibt bestehen, auch wenn wir uns nicht verstehen.

Ich glaube, wir stehen – ähnlich wie Kant in seiner Zeit – an einem Punkt, an dem wir die Grundannahmen über menschliche Beziehungen erweitern müssen.

Wir haben gelernt, Bindung zu sehen.

Jetzt müssen wir lernen, Wertschätzung zu verstehen.

Erst wenn beides zusammenkommt, entsteht ein vollständiges Bild dessen, was Menschen in Beziehungen wirklich bewegt.


Quellen

  • https://www.reclam.de/produktdetail/kritik-der-reinen-vernunft-9783150141274
  • https://www.routledge.com/Principia-Amoris-The-New-Science-of-Love/Gottman-Gottman/p/book/9781848725176
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/pursuer-distancer-spiral-hub
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/2-paths-to-separation
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/criticism-healing-as-foundation
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/toxic-relationships-hub
  • https://www.lucasforstmeyer.com/neuropsychology-01-02
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/attachment
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/status